Rauhnächte

Er kann ihn manchmal nicht leiden. So wie er oft arrogant auf der Mauer stolziert, wie er hinter den Vögeln herstarrt und wie er überhaupt nicht auf andere achtet. Er kann es nicht leiden. Trotzdem sind sie verbunden, auf immer zusammen, Brüder eben, die sich streiten und dann wieder vertragen. Es war schon immer so. Er hätte sich ja dagegen einsetzen können, hätte selbst böse reden können und überhaupt, denn schließlich war er der bessere Jäger auch nach dieser Geschichte.

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Die Frau setzt sich. Ihre Brille hat sie zur Seite gelegt. Im Zimmer ist es warm, aber durch einen Fensterspalt zieht es vor sich hin. Ich blicke auf die Kerze, deren Flamme hin- und herflimmert. Im Ofen brennen ein paar Holzscheite. Sie beginnt ihren Bericht mit einem Seufzen:

Ach, heute ist es nur noch eine Geschichte, die man sich erzählt an dunklen Abenden im Sommer oder an nassen Herbsttagen, um sich selbst ein bisschen interessanter zu machen. Ich auf meine alten Tage, ich will da nicht nachstehen. Es hat sich wohl wirklich so zugetragen. Manche sagen, die Kater seien es, wenn es draußen an die Scheiben klopft oder wenn ein Unrecht geschieht. Es ist schon lange her. Nach allen Berechnungen müssten die Tiere heute eigentlich tot sein. Wie lange lebt so ein Vieh? Aber es soll noch viele Menschen geben, die sie regelmäßig sehen. Ihre schwarzen Gesichter mit Augen, die wie Kohlen glühen, sind noch hinter den Scheiben des alten Hauses zu sehen. In dem Haus wohnt schon lange niemand mehr.

Es war damals sehr kalt. Ich weiß noch, dass der Wind so schneidend war, dass ich dachte, den Schnee riechen zu können, der sich ankündigte und schon bald einstellen sollte. Damals hatte man immer von der besonderen Zeit des Jahres erzählt, von der ´Wilden Jagd´ und dem Unheil, das sie brachte. Ammenmärchen, hätte man mich zu einem späteren Zeitpunkt in meinem Leben gefragt, als ich alles mit Vernunft erklären konnte, als alles vorhersehbar schien. Heute weiß ich, dass es anders ist, dass sich kein Leben gänzlich planen lässt.“

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Er weiß, dass es sein Bruder war, aber bis heute kann er kaum sagen, was damals wirklich passierte, als die Menschen ihre Wäsche nicht wuschen, weil sie Angst hatten, es würde ein Leichentuch aus ihnen gewebt. Er saß am Fenster und wollte ihn warnen. Es kam jedoch jede Hilfe zu spät.

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Die zwölf Rauhnächte zwischen Weihnachten und Neujahr bedeuten die Erneuerung, aber auch das Innehalten für das Alte. Zur Zeit des Heidentums stand ihre Bedeutung stärker im Vordergrund, heute weiß man nicht mehr um die Verhaltensregeln, an denen man sich orientieren soll. Es war das Nachbarhaus, von dem die Leute sagten, dass der Hausherr irgendwie komisch sei. Was genau damit gemeint war, lässt sich heute nicht mehr sagen. In genauem Zusammenhang damit steht jedoch die Tatsache, dass die Frau des Hauses des öfteren mit einem blauen Auge beim Metzger ausgeholfen hat. Sie brauchten dringend das Geld, glaube ich. Der Hof warf ja auch so gut wie nichts ab. Eine merkwürdige Familie, das weiß ich noch. Ich kann nicht genau sagen, ob ich sie nicht mochte, nein, sie waren mir einfach nicht sympathisch. Ja und wenn ich so überlege, dann hatte das Leben ganz lange bei ihnen einen geregelten Ablauf. Morgens ging er früh aus dem Haus, sie ging später hinter die Theke ob mit oder ohne Veilchen. Insgesamt erging es ihr aber leidlich, so wie ich denke.“

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Es war ein früher Herbstabend, in dem sie die Brüder angelockt hatte. Eine Schüssel Milch war mehr, als sie jemals hatten erwarten können und so schlichen sie schnell ins Nachbarhaus und nahmen, was sie kriegen konnten.

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Irgendwie hat mich das gewundert, dass sie irgendwann anfing, die Katzen anzulocken. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch – sie war trotz aller Wundersamkeit eine nette Person. Aber wie kam sie darauf, die Katzen aus dem fremden Haus zu locken? War sie einsam oder führte sie etwas im Schilde? Wissen Sie, auf beide Häuser habe ich freie Sicht, weiß genau, wer ein- und ausgeht, auch wenn ich es meistens gar nicht wissen will. Es geht mich nichts an, aber was will man machen? Das Leben hier ist eintönig. Man erlebt so gut wie nichts, ach naja. Und irgendwann kamen die Viecher, schwärzer als die Nacht, Biester, die Ihnen am Ende nicht nur die Möbel, sondern auch die Seele zerkratzen. Ich habe sie nie leiden mögen, aber ich mag ja auch gar keine Katzen. Zuerst hat sie ihnen vor der Tür kleine Bröckchen hingeworfen, hastig, schnell, ihr Mann hatte ja nichts zu verschenken. Alles wurde gespart. Als er aus dem Haus war, wurde sie mutiger. Ehe ich´s mich versah, tranken die Biester von der guten Milch, von der sie nur so wenig hatten und die ihnen so wertvoll war. Die Katzen hatten sie um den Finger gewickelt.“

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In vielen Fällen war er derjenige, der zuerst die Kontakte pflegte, der den Menschen um die Beine schlich, aber hat er sich bis heute nichts vorzuwerfen, so glaubt er. Die Menschen verhalten sich zu bestimmten Jahreszeiten anders. Es gibt Situationen und Zeiten, in denen die Tiere empfindsamer sind als die Menschen. Man hat schon von vorhergesehenen Erdbeben gehört oder von einer Feinfühligkeit, die man so kaum beschreiben kann. Die Menschen denken, dass die Tiere schärfere Sinne haben, dass sie sich anders einlassen können.

So wie die Frau die beiden Kater noch im Herbst bewirtet hat, so zutraulich waren sie ihr im Dezember. Sie haben gesehen, wie hart sie arbeiten musste, wieviel sie für den Winter gegeben hat, Lebkuchen, Eingemachtes, Schlachtung, Butter, Sahne und so viel mehr. Hin und wieder ist davon natürlich etwas auf verschlungenen Pfaden abhanden gekommen. Irgendwann muss der Schwindel in einer Nacht nach Weihnachten aufgeflogen sein, ein wenig Sahne und etwas Butter fehlten. Ihr Mann hatte das Tier gesehen. Es waren fürchterliche Schreie zu hören.

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In einer Rauhnacht, so sagt man hier unter den Menschen, muss man sich zurücknehmen. Man muss Ehrfurcht haben vor der Natur und ihren Geschöpfen. Das hatte sie, sie hat sich der Viecher angenommen, pottschwarz, kein Herr in der Nähe, aber was soll ich sagen? Es hatte irgendwie etwas Eigenartiges, wie sie mit ihnen umging, nicht wie jemand, der den Tieren Essen gibt. Es war mehr wie ein Tribunal, wenn sie ihr um die Beine schlichen und sie zu ihnen sprach. Bestimmt ist es ein Märchen, aber man sagt, dass die Tiere in den Räuhnächten sprechen können. Die Tiere im Stall sprechen zu bestimmten Menschen und sagen ihnen das neue Jahr voraus. Das geht eben nicht ohne Bezahlung. Vielleicht war es so. Sie haben später von einem Herzinfarkt erzählt, aber alle waren sich einig, dass es gut war, dass die Frau nun endlich ihre Ruhe hat, endlich Ruhe, ja. Die Kater waren in der Nacht dabei. Ich glaube, dass sie etwas damit zu tun haben.“ Die Frau schloss ihren Bericht. Die Kerze war mittlerweile heruntergebrannt und im Ofen war nur noch Glut zu sehen.

An der Steinbockfichte

 

Ob der Baum noch stand? Im Internet gab es keinen Eintrag zu dem Gewächs, das den Glauben an das, was im Leben Halt und Sicherheit gab, verändert hatte.

„Du musst weitergehen.“ Joachim war in seiner Försterskluft. Seine dicken Wanderschuhe stapften durch das Herbstlaub, er hob sich kaum von den Bäumen ab, vor denen er marschierte.

„Ich kann nicht.“ Gundula war nicht diejenige, die sich im Wald Gedanken um passendes Schuhwerk gemacht hatte. Hier sah sie schließlich niemand und sie ihr Auftreten störte keinen.

„Doch, geh weiter.“ Die Wanderschuhe stapften dringlicher. Er wusste, dass sie keine Lust gehabt hatte auf diesen Spaziergang.

Es war so dunkel, dass man die Hände vor den Augen nicht sehen konnte. Joachim hatte Gundula überredet und sie hatte gedacht, dass es ihnen gut tun würde. Die letzte Zeit war so stressig gewesen. Sie hatte in keiner Weise zu einem geregelten Alltag beigetragen. Gundula, die seit Tagen eine Erkältung in sich erstarken fühlte, war auf Joachims Vorschlag nur widerwillig eingegangen. Der Wald und die Natur waren Joachims Gebiet. Dort fühlte er sich wohl und er kannte jeden Weg genau. Gundula war diejenige, die lieber für sich allein am Schreibtisch werkelte.

„Du musst mir vertrauen, der Weg ist hier in Ordnung.“

„In Ordnung“ raunte Gundula im Stillen, innerhalb kurzer Zeit war sie auf die verschiedensten Hölzer und sogar einmal auf eine Scherbe getreten, die fast ihre Sohle durchbohrt hatte. Sie war von einem kurzen Spaziergang ausgegangen, von etwas Bewegung und frischer Luft, die ihren Körper etwas durchwehen sollte. Stattdessen stakten sie hier in tiefster Dunkelheit.

Nach einem weiteren Stolpern auf dem finsteren Waldweg beschloss Gundula, sich zusammenzureißen und Joachim diesen Gefallen zu tun. Sie konnte sich nicht nicht mehr daran erinnern, wann sie zuletzt etwas Gemeinsames erlebt hatten und sie schätzte, dass ihr Mann sich für diesen Abend etwas hatte einfallen lassen.

Sie gingen hintereinander, Joachim ging vor ihr und sie achtete genau auf seine Schritte, sodass sie sich an seinen Fußstapfen im Laub orientieren konnte. Im Wald war er still, aber es war eine angenehme Stille und so gingen sie einige Zeit, ehe sie an eine Abzweigung kamen. Gundula erinnerte sich an diese Abzweigung, konnte sie aber nicht recht einordnen.

„Da drüben geht´s zur Steinbockfichte.“ Joachim schien frohen Mutes zu sein.

„Steinbockfichte.“ Gundula erinnerte sich, dass sie vor Jahrzehnten dort gewesen war, als Jugendliche. Es war ein Schulausflug gewesen. Man hatte ihrer Wandergruppe erzählt, dass es ein sagenumwobener und mythischer Baum war und umweht von einem ganz konkreten Ereignis, an das sie damals nicht so recht glauben wollte.

„In den fünfziger Jahren hat es hier in der Nähe eine unglückliche Liebe gegeben“, so hatte es damals ihr Lehrer erzählt. Die Worte hatte er salbungsvoll ausgesprochen und Gundula hatte Mühe, dies zu glauben, denn schließlich war es eine Horde junger Mädchen, denen ihr Lehrer von der Liebe erzählte.

„Die beiden hatten sich immer hier getroffen. Das war damals noch eine andere Zeit. Da hat der Hausfreund Euch nicht einfach so besucht.

Gundula erinnerte sich, wie sie vorsichtig gekichert haben. Joachim stapfte weiter hörbar durch das Laub und stellte sich irgendwann vor den Baum. Es war nicht üblich gewesen, in jungen Jahren einen Freund zu haben, erst recht nicht, allein mit ihm auf einem Zimmer zu sein.

„Also eigentlich war es auch eine Eifersuchtsgeschichte. Wenn man es richtig bedenkt, dann muss man sagen, dass das irgendwo auch eine Ironie der Geschichte war.“

„Wie?“ Gundulas Freundin war eine, die immer vorne losging und die Nachfragen stellen konnte. Gundula hatte sich in dieser Hinsicht stets zurückgehalten. Sie war keine von der aufdringlichen Sorte oder eine derjenigen, die sich besonders hervortun wollten.

„Es ist hier passiert, kann ich Euch sagen und es war eine Geschichte, die man sich bis heute erzählt. Der Schmidt Walter ist der Neffe, aber das wird zu kompliziert.“ Er hatte eine abwinkende Geste gemacht. Gundulas Lehrer waren schon immer in das allgemeine Orts- und Tagesgeschehen eingebunden gewesen. Sie hatten schon immer Interesse an den Örtlichkeiten gezeigt und waren auch über die örtliche Gerüchteküche gut informiert.

„Hier an der Steinbockfichte. Detlev hieß der junge Mann. Madita war eine der Schönsten der Schönen und ja, wie es so kommt, war der Detlev irgendwann nicht mehr der alleinige Verehrer. Man weiß nicht genau wie es passierte, aber man erzählt sich, dass die Fichte nicht unerheblichen Einfluss auf das Wohlergehen von Madita gehabt hat. Jeder sagt Herzversagen, aber es könnte auch an dem Sturm gelegen haben. Fichten sind biegsam. Das wisst Ihr.“ Er blickte nachdenklich in die Runde.

Joachim hatte Gundula angestupst. Er war stehen geblieben und er hatte ihr gezeigt, wie gesund die Fichte noch immer war, aber Gundula stellte sich vor, wie es damals passierte. Sie erinnerte sich, dass ihr Lehrer von einem Gewaltverbrechen gesprochen hatte. Man hatte dies aber nicht nachweisen können. Jetzt bei nur leichtem Wind wiegten sich die Zweige sanft. Es war dunkel und irgendwann schlugen Gundula die Zweige ins Gesicht, während sie große Angst hatte. Am Morgen hörte man nichts, nur das Stapfen von Joachims Wanderschuhen.

Donar

I.

„Natürlich hast Du Angst vor Gespenstern. Sie handeln eben nicht in Deinem Sinn,“ sagt er und lacht mir ins Gesicht. Unglaublich. Eben hatte ich ihm noch aus meinem Leben berichtet, hatte ihm vertrauensvoll erzählt und nun steht er vor mir. Seine dunklen Strähnen ragen widerspenstig in alle Richtungen und sein Stolz ist unvereinbar mit dem lange zerschlissenen Hemd, dessen Löcher seine blasse Haut zeigen.

Woher sollte er auch Gefahr laufen, eine gesunde Farbe zu bekommen? Nächtelang sitzt er in seinem Arbeitszimmer und brütet über Texten, deren Wörter ich nicht verstehe. Zuerst haben mir die Bücher Angst gemacht. Sie sind alt und neben den getrockneten Sträuchern wirken sie wie Zauberwerk aus einer anderen Zeit. Dann habe ich ihn kennen gelernt und er brachte mir bei, wie man Tinkturen und Salben herstellt, für was man welche Pflanze benutzen kann und bei welcher Mondphase Krankheiten am besten heilen. Sehr lange hat er mich einfach unterrichtet. Natürlich hatte ich ihn nicht darum gebeten, aber er mochte es, wenn er sein Wissen weitergeben konnte. So lernte ich von ihm einige Dinge, die mir noch heute nützlich sind, wären da nicht seine Veränderungen gewesen.

II.

„Wie hast Du ihn kennengelernt?“

„Ich war damals auf dem Gut Hohenberg in Stellung. Die Familie war nett gewesen und irgendwie waren wir gut miteinander ausgekommen. Wahrscheinlich wussten sie, dass ich bisher schon so vieles erlebt hatte und wünschten mir nun alles Gute. Dies dankte ich ihnen mit meiner fleißigen Arbeit. Jeden Morgen war ich schon zeitig bei den Tieren und im Hof gewesen, aber was soll ich sagen? Vielleicht geht es anderen Menschen auch so, aber irgendwann wird das Leben eben das, was es nun einmal ist.“

„Er war also auf Eurem Hof?“

„Es war der 30. April. Der Mai ist der schönste Monat für mich. Der Frühling ist so kraftvoll und wunderbar. Überall kann man den Duft von Flieder und frischen Kräutern spüren. Die Dämmerung verändert sich und das ganze Wesen der Menschen ist zauberhaft. So passt es doch so wunderbar, dass die Leute dann feiern und Freude an ihrem Leben haben.“

„Es ist ein gottloses Fest.“ Der Pfarrer räusperte sich.

„Es ist ein altes Fest, denke ich. Das ganze Dorf ist auf den Beinen und tanzt im Kerzenschein. Sie lachen und singen. Ich weiß, dass Gott da ist. Sagt nicht die Bibel, dass Gott da ist, wo zwei sich treffen?“

Verwundert blickte der Pastor auf. „Ja, wo zwei zusammen sind, da bin ich bei Euch.“ Der Pastor räusperte sich hörbar, nun verunsichert, dass eine Dienstmagd offensichtlich gegen seine Argumente Einwände hatte.

III.

Ich drehe mich um und gehe zurück in den Stall. Ich weiß, wo mein Platz ist, aber ich hasse ihn dafür, dass er es mir auf so einfache Art zeigen will. Dieses Streiten, wenn er glaubt, im Recht zu sein und ihm auffällt, dass er etwas nicht bedacht hat, dass eine Dahergelaufene etwas wissen könnte, das ihr nicht zusteht.

Früher hatte ich noch Zugang zu seinen Büchern und habe sie auch in seiner Abwesenheit lesen dürfen. Dann war es sehr schlimm geworden und ich durfte nichts mehr lesen. Das war irgendwann im Sommer. Ich sehe noch, wie ich im Sonnenuntergang die letzten Halme auf die Heuschober bringe und mich dann mit meinem Rechen und den anderen Arbeitern auf den Heimweg mache.

IV.

Er ist anders gewesen als die anderen. Das haben die Dorfbewohner schon immer gesagt. Niemand kennt seine Familie und seine Herkunft. Irgendwann, so erzählten sie, war er einfach dort gewesen und hat begonnen, ihnen zu helfen.“

Ich weiß noch, wie er damals von allen abgelehnt wurde. Auf dem Hof war er nicht gut angesehen. Ein Scharlatan. Aber dann, als er den ersten Kindern auf die Welt geholfen hat und begann, die unabänderlichen Schicksale des Lebens abzuwenden, ließen sie sein Wirken zu.

Wie hat er ihnen geholfen?“

Der Name Donar kommt aus der nordischen Sagenwelt. Ich weiß nichts darüber, aber er hat mir erzählt, dass es einen Donnerer gegeben hat, einen Mann, den kein anderer je besiegen konnte. Seine Waffe, ein Hammer, war so stark, dass er damit ganze Landstriche zerstören konnte. Er wollte sein wie Donar. Das war die einzige Auskunft, die er mir über sein bisheriges Leben gegeben hat.“ „Und?“

Er hat sich den Namen selbst gegeben. Niemand in dieser Gegend hat einen solchen Namen, aber vielleicht kommt er nicht von hier. Manche Leute sagen, dass er sein Wissen aus der ganzen Welt zusammengetragen hat.“

Nein, aber alles ist Gottes Werk.“

Ja, so habe ich es auch gesehen. Ihm gegenüber durfte ich Gott nicht erwähnen. Es war unglaublich. Er wurde wütend immer dann, wenn die Traditionen von uns verlangten, dass wir zur Messe gingen und zur Beichte. Er hielt davon nichts. Das wussten alle.“

Aber trotzdem habt Ihr seine Dienste in Anspruch genommen.“

Ja, es war töricht. Man hatte das Gefühl, dass er etwas Böses tun wollte, aber er bewirkte so viele gute Dinge. Ungeborene in Steißlage, Alte mit porösem Darm oder selbst schmerzhafte Blähungen wusste er zu heilen.“

Blähungen?“ Der Pfarrer lächelte. Das Gespräch nahm eine interessante Wendung.

V.

Die richtige Dosis und der richtige Moment, in dem es verabreicht werden soll. Eine glückliche Kombination. Das ist alles. Donar war wie die alten Frauen. Er hat seine Kräuter bei Vollmond gepflückt, aber er hat sein Wissen so wohl dosiert wie seine Tinkturen.

Nach der Heuernte kamen wir lustig nach Hause. Es war längst dunkel geworden, weil die Arbeiter ihren Spaß mit uns getrieben hatten. In seinem Zimmer brannte Licht und ich ging zu ihm, sah aber, dass er gerade gehen wollte. Er erzählte mir, dass der Grund allein das helle Vollmondlicht sei, warum er ausging. Dann ließ er mich stehen.

Manchmal dachte ich an Beschwörungen. Leute im Ort hatten von Frauen gesprochen, die im Wald bei Vollmond um das Feuer tanzten und sich mit dem Teufel einließen. Ich habe ihn nie gefragt. Ich dachte, dass es seine Kraft stärkte und ich habe das Gefühl verdrängt, habe mich in solchen Momenten an die schönen Zeiten erinnert.

Damals war es heiter, wenn wir abends beieinander saßen und erzählten. Er spielte auf seiner orientalischen Gitarre, wie er das lange hölzerne Ding nannte. Ich hatte Tee am Feuer gewärmt und mich zu ihm gesetzt.

VI.

Er hat mich lange Zeit nur beobachtet, ehe er mich auf dem Maifest angesprochen hat.“

Was?“

Das Fest. Ihr hattet nach unserem Kennenlernen gefragt.“

Ah, ja. Und hat er dich jemals unsittlich berührt?“ Der Pfarrer schnappte nach Luft, horchend, ob er die letzten Worte tatsächlich gesagt hatte. Er war hier schließlich nicht in einem Verhör, sondern bei einer Befragung, die vielleicht etwas über den Tod eines Mannes einbringen könnte, den kaum ein Mensch kannte.

Donar würde fragen, was unsittlich bedeuten sollte. Für ihn hätte es keine Unsitte gegeben.“

Bis über beide Wangen färbte sich das Gesicht das Pfarrers rot, der seine Indiskretion zutiefst bereute.

VII.


Wenn ich dem Pfarrer sage, was er hören will, so muss ich bejahen, dass sicher noch tausend andere zu seinen Frauen gehört haben, dass wir seine Dirnen waren und dass er uns allesamt ausgenutzt hat. Aber wie klingt das verglichen mit dem, was ich erlebt habe? Was war mein Leben vorher gewesen? Wie waren seine Augen und seine Wort doch das, was der Pfarrer von König Salomo niemals gepredigt hatte: Er ist besonders unter Tausenden, seine Finger wie Stäbe aus Gold, seine Locken wie rabenschwarze Rispen. Alles, was so sehr fremd für mich war, dass ich gar nicht sagen kann, ob es nun an der Fremdheit oder der Erhabenheit liegen mochte. Wie hätte ich mich dagegen wehren können, das zu werden, was der Pfarrer mir heute vorwirft, wenn ich Gott nie näher gewesen bin als in den Zeiten mit ihm?

An jenem Abend hatte er mich beobachtet wie einen kostbaren Schatz. Wie einen Diamanten, den man im Heu findet. Ich war so unglaublich für ihn, dass er jede meiner Bewegungen aufmerksam gemustert hat.

Frühling

Immerhin hatte ich geschwiegen. Am Bahnhof Altenbeken war ich kurz ausgestiegen. Zuerst dachte ich, ich hätte sie abgehängt, aber dann fanden sie mich doch.

Sie war nicht hier. Ich stellte mir vor, wie sie nach einem Ausweg suchte, aber irgendwie spürte ich, dass sie dasselbe Schicksal ereilte wie mich. Eigentlich war es eine ganz schlichte Begegnung gewesen. Sie hatte etwa mein Alter und ich glaubte, dass sie wie ich vielleicht zur Uni ging. Ganz normal hatte sie sich verhalten, als sie nach dem freien Sitzplatz neben mir gefragt hatte. Natürlich durfte sie sich setzen, schließlich war der Zug ziemlich voll gewesen. Sie hatte schnell ein Buch aus ihrer Tasche gezogen, das sie sich auffällig dicht vor ihre Augen gehalten hatte. Vielleicht Kurzsicht – damit nichts Verdächtiges. Erst einige Momente später waren die Herren aufgetaucht. Sie hatten ihre Blicke prüfend schweifen lassen, aber nicht so, wie ein Fahrkartenkontrolleur es tun würde, eher dringlicher und vor allem aggressiver. Ich hätte schwören können, dass es eine Grenzkontrolle war, allerdings konnte ich ihre Uniform in keiner Weise zuordnen. Irgendwie grau und weiß, aber genau konnte ich es nicht wahrnehmen, zumal mich die Reaktion meiner Nachbarin völlig überforderte.

Mit der linken Hand ihr Buch haltend, suchten die Finger ihrer rechten Hand, die mir am nächsten war, nach meiner Hand. Nahezu intuitiv hatte ich ihre Bitte um Beistand gefühlt und angesichts der Situation war ich bereit, die fremde Hand in meine zu nehmen, die sich kalt anfühlte. Zwischen ihren Fingern spürte ich die Nässe, die bei starkem Schwitzen entsteht und erwiderte den festen Griff, den sie mir bot.

Die Herren gingen nur langsam vorwärts. Diskret blickten sie in jedes Gesicht und maßen es ab. Die Hand in meiner Hand war verräterisch. Die Vermutung, dass sie etwa mein Alter hatte, verwarf ich nun. Sie musste wesentlich jünger sein als ich und schien auch selbst diesen Unterschied wahrzunehmen. Ihr Schweiß zeigte an, was die Männer suchten und ich reagierte mit festem Druck.

Sie verhielt sich still und erst als die Männer an uns vorbeigegangen waren, warf sie mir einen kurzen Blick zu, unbedeutend. Ich hatte eher mit einem Ausdruck der Erleichterung gerechnet als mit diesen Augen, die mir zwar Stillschweigen suggerierten, aber ansonsten nüchtern auf mich wirkten. Die Angst, die eben noch in dem Druck ihrer Hand zu fühlen gewesen war, war jetzt einer Art Routine gewichen, die sich in einer demonstrativen Ignoranz äußerte. Ich beschloss, mich nicht weiter um diesen Vorfall zu kümmern.

Die Landschaft zog schnell vorüber. Bäume und Büsche waren nur noch graue Streifen und meine Gedanken wanderten wieder zurück zu dem eben Erlebten. Ob ich sie fragen sollte? Vielleicht sollte ich mich für das interessieren, was sie bewegte? Vielleicht wünschte sie sich das, auch wenn ihre Augen es nicht ausstrahlten? Andererseits wollte ich mich nicht zu sehr in etwas hineinziehen lassen, das mich gar nichts anging.

Der Schnee wurde glitzernd von der Sonne reflektiert, die nun zur Mittagszeit hoch am Himmel stand. Von weitem sah ich eine kleine Baumgruppe, die mit Schnee bedeckt und ziemlich vereist war. Die Bäume mussten konserviert worden sein. Etliche Zweige waren zwar bereits abgebrochen, aber sie waren noch immer in ihrer ursprünglichen Form zu erkennen. Oft schien die Sonne jetzt. Früher war es eher nebelig und grau gewesen.

„Kalt draußen.“

„Ja.“ Ihre Miene hatte sich binnen kurzer Zeit verändert und nun las ich eher Gleichgültigkeit in ihrem Blick als Angst, sodass die Erinnerung an ihre nasse Hand von mir in Frage gestellt wurde. Die Uniformierten waren vorbeigezogen und wahrscheinlich in einem anderen Abteil verschwunden. Ich sah mich um, nahm aber den Gesprächsfaden wieder auf.

„Kannst Du Dich noch an früher erinnern, als der Nebel dichter war?“ Ich versuchte, mit dieser Frage auch ihre Herkunft zu ermitteln. So viel ich wusste, war das Wetter ein Spezifikum bei uns. Die Reaktorkatastrophe hatte den Nebel hervorgerufen. Bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr hatte ich nur diesen Nebel gekannt, ehe er sich später verflüchtigt hatte. Die krause Falte auf ihrer Stirn zeigte aber an, dass sie wohl nicht aus dieser Gegend war. Komisch, für mich war der Nebel immer normal gewesen. Ich verzichtete darauf, weitere Einzelheiten dieser Vergangenheit zu erwähnen. Die meisten Menschen hatten mich mitleidig angeblickt und ich fühlte mich immer schuldig, wenn die Menschen wegen mir traurig wurden. Ich sah in ihre Augen, fühlte aber, dass sie mit etwas anderem beschäftigt war.

„Lass´mich mal durch.“ Ich stellte meine Beine umständlich zur Seite, sodass sie rausgehen konnte. Ich überlegte noch, ob ich lieber aufstehen sollte, als sie mir einen kleinen Zettel in den Schoß warf, den ich sogleich in meiner Hosentasche verschwinden ließ.

Was mochte auf dem Zettel stehen? Es war ein kleines weißes Papier, nicht besonders auffällig. Keine Schrift war zu sehen und so stellte ich mir vor, was es sein könnte, vielleicht eine Nummer oder nur ein Stichwort. Vielleicht sogar eine Zeit- oder eine Ortsangabe? Ich war in etwas hineingezogen worden, das ich kaum nachvollziehen konnte. Es irritierte mich in höchstem Maße und doch hatte es eine Bedeutung für mich. Ich war plötzlich Mitglied in einer Angelegenheit, die offensichtlich an dem vorbeiging, was man gemeinhin als normal bezeichnet hätte. Dies hatte etwas Tröstliches, befand ich mich doch oft genug zwar innerhalb der Gesellschaft aber oft genug außerhalb dessen, was ich als wichtig erachtete.

In Altenbeken kam der Zug zum Stehen. Der Bahnhof gab die Sicht auf ein außergewöhnliches Panorama frei. Wäre ich nicht in diese Situation geraten, so hätte ich sicher den Ausblick auf die weite Landschaft genossen und wäre noch einige Schritte weiter gegangen. So konnte ich nur hoffen, bei meinen Ausstieg eine Gelegenheit zu finden, bei der mich die Herren nicht sähen. Ich stieg aus und lief entlang des Bahnsteiges mit dem Blick zur Uhr, denn in etwa zehn Minuten sollte der Zug weiterfahren. Die Sonne stand jetzt hoch am Himmel und es war eine große Freude und ein großes Glück für meine Augen, nun nach dem langen Winter ins Helle sehen zu können.

Dann ging es schnell: Ich kann heute nicht mehr sagen, woher die beiden Männer gekommen waren, aber sicher hätte ich mich gewehrt, wenn ich die Richtung gewusst hätte, aus der sie gekommen waren und mich gepackt hatten, um mir effizient und ohne Aufhebens zielsicher in den Hosentasche zu fassen mit der größtmöglichen Diskretion, die ein solcher Angriff zuließ.

„Vielen Dank.“, sagte der Uniformierte. Der andere strich währenddessen sanft über meine Schulter, als hätte er mich vor dem herannahenden Zug gerettet.

Ich blieb noch eine Weile stehen, wieder in die Helligkeit starrend. Ich habe sie nie wieder gesehen und machmal frage ich mich heute, ob es diesen kleinen Zettel jemals gegeben hat.

Fahrgäste

Es war nicht so, dass er die U-Bahn nicht mochte. Im Gegenteil war er die meiste Zeit froh darüber, dass er relativ schnell von einem Ort zum nächsten kam, auch wenn seine Aufgaben nie besonders dringend oder zeitlich notwendig gewesen waren. Was hatte er außer seiner Arbeit zu tun? Den kleinen Einkauf, nur für sich selbst, konnte er schnell nach der Arbeit erledigen.

Die U-Bahn hatte etwas an sich, das er nicht ganz begriff, das aber stets dafür sorgte, dass er sich am Gleis nicht länger als unbedingt nötig aufhielt. Er konnte es nicht beschreiben und erst in letzter Zeit war ihm diese Abneigung wirklich zu Bewusstsein gekommen. So, als sei er in einer Sache aufgewacht oder als sei ihm ein Licht aufgegangen, wo früher Dunkelheit geherrscht hatte. Vielleicht war es wirklich das fade Neonlicht, das radikal die Realität in den Gesichtern der anderen Wartenden zeigte und kein gutes Haar an ihnen ließ. Vielleicht waren es sie, die wie so oft als jammerliche Gestalten das Verstreichen ihrer Lebenszeit belauerten und schließlich verschwanden?

Er wusste es nicht. Erst neulich, als er um 21.09 Uhr mit einer Tiefkühlpizza in seiner Tasche die Rolltreppe hochfuhr, gab es etwas, das er nicht verstehen konnte, über das er aber noch heute nachdachte:

Sie war steil, diese Rolltreppe – tatsächlich und er hatte sich bis jetzt noch jedes Mal am Geländer festgehalten, weil er fürchtete, sein Gleichgewicht zu verlieren. Das schwarze Gummi fühlte sich warm unter seinen Fingern an, aus einem Lüftungsschacht schlug ihm heiße Luft entgegen. Soweit nichts Besonderes. Er war allein. In einigen Metern Entfernung sah er noch eine junge Frau auf die U2 warten, die in einer Minute kommen sollte. Leise rauschte die Rolltreppe voran immer in Begleitung des kleinen Geländers, das sich flexibel mitbewegte.

Zuerst hatte er es als Nebengeräusch abgetan, das wohl von irgendwoher, vielleicht von der nahenden U2 kam. Er ignorierte es, bis es lauter wurde. Eigentlich war es ein Fauchen, es mochte wohl eine Katze oder ein Waschbär im Luftschacht sitzen. Er sah sich um, konnte aber nichts entdecken. Also richtete er seinen Blick wieder nach vorn. Plötzlich fauchte es lauter, ja, er glaubte sogar, ein Kreischen zu vernehmen. Er drehte seinen Kopf mühevoll in Richtung der jungen Frau am Bahnsteig, um zu prüfen, ob sie nicht dasselbe gehört hatte.

Sie stand noch immer reglos am Rand des Gleises, wartend, aber bei näherer Betrachtung war doch etwas anders. Hatte sie nicht eben noch einen schwarzen Mantel getragen? Er war sicher, dass dieser dunkelblaue Samtumhang vorher noch nicht dagewesen war und auch der kleine Hut war ziemlich ungewöhnlich. Es wirkte, als ob sich die junge Frau für einen Kostümball gekleidet hätte, obwohl sie eben noch anders ausgesehen hatte. Seinen Augen nicht trauend, öffnete er sie weit. Es war kaum zu glauben. Die wunderliche Garderobe der Frau wäre ihm doch schon vorhin aufgefallen. Unter dem Umhang trug sie ein Rüschenkleid, wie es zu Beginn des letzten Jahrhunderts Mode gewesen war. Solche Kleider hatten die bürgerlichen Damen getragen, als sie dem Anfang des ersten Weltkrieges entgegen gejubelt hatten. Das hatte er auf alten Fotos in einem Geschichtsbuch gesehen. Der Umhang passte zum Hut und zu der übergroßen Feder, die sich nun leise bewegte, denn plötzlich drehte die Frau ihren Kopf in seine Richtung.

Auch wenn zwischen ihnen eine große Entfernung war, so konnte er doch deutlich ihr Gesicht erkennen: Augen und Mund waren sorgfältig und passend zu ihrem Kleid geschminkt, an ihrem Hals baumelte eine kleine Kette, deren Anhänger verheißungsvoll auf ihr Dekolleté wies. „Verheißungsvoll“ war wohl das richtige Wort für den Blick, den sie ihm zuwarf. Es hätte ihn wundern sollen, denn unter anderen Umständen hätte die Frau ihn sicher wütend taxiert, vorwerfend, warum sie von einem Fremden angestarrt wurde, aber diese Umstände lagen so besonders, dass er seinen Blick nicht von ihr abwenden konnte und sich bald in ihren Augen verlor.

Anfangs wunderte er sich noch, warum er sogar ihre Wimpern deutlich wahrnehmen konnte, die die Pupillen herausfordernd zierten, aber dann sah er die Tiefe ihrer Augen. Er schluckte. Ganze Epen schienen sich in ihnen zu verbergen. Im einen Moment vermutete er einen verblutenden Soldaten auf dem Schlachtfeld, der für sein Vaterland bereitwillig in den Tod ging, im nächsten die leidenschaftliche Liebe eines Paares im Schein eines Lagerfeuers. Die Iris erzählte tausend Geschichten. Ihre Linien führten von Anfang bis zum Ende der Menschheit. Er konnte sich erst von ihr abwenden, als das Fauchen deutlicher wurde.

„Pass´ auf, es ist gefährlich, geh´ weiter!“ Woher mochte die Stimme kommen? Noch immer war niemand hier. Die Frau stand an der selben Stelle und es war noch kein weiterer Fahrgast zu sehen. Vielleicht war wirklich jemand im Luftschacht, aber warum sprach er dann so unmenschlich?

Die Rolltreppe quietschte weiter nach oben, aber er hatte das Gefühl, dass sich die Stufe, auf der er stand, kein Stück vom Fleck bewegte. Er blickte an sich herab, alles war normal. Seine Stiefel standen fest auf der Stufe, die gemeinsam mit ihren Nachbarn leise nach oben surrte. Noch einmal wollte er sich zu der Frau umdrehen, als ihm plötzlich auffiel, wie sich das Gewölbe der U-Bahn verändert hatte. Der karge Beton war einer weißen Wand gewichen, die mit zauberhaften Fresken bemalt waren. Im Anflug von einer Sekunde sah er ein ganzes Königreich und er war überwältigt von diesem Anblick.

Seine Hand griff nun fester an das Geländer. Er bewegte sich langsam vorwärts und erst auf der Straße bemerkte er, wie sehr sein Herz geschlagen hatte. Es war kalt und der Schnee hob sich lila von der Dunkelheit ab. Er ging jetzt zügig. Seine Schuhe krachten eisig über den Gehweg. Ab und zu schaute er hoch, um sich über die mit Sternen geschmückten Fenstern zu beruhigen. Dabei übersah er das Plakat, mit der Abbildung der Dame, die soeben auf die U2 gewartet hatte. Vorläufig würde er wohl mit dem Bus fahren.

Ein Reisebericht

4 März 2016, 05:34, Flughafen

Ich trage das Nötigste. Bald heißt es einsteigen. Von Rafik und den anderen habe ich mich schon verabschiedet. Er sagte zu mir, dass es in den nächsten Wochen noch weiter gehen wird. Ich sollte dringend diese Maschine nehmen. „Steig ein“ sagte er zu mir, „Sieh nicht nach links oder rechts, konzentrier´ Dich nur auf das Zentrum.“ Er gehört zu unseren besten Lotsen und jeden Morgen hat er ein Lächeln für mich.

Die Luft ist kalt und schneidet mir in die Lunge. Ich ziehe meine Jacke fester zu. Ich trage meine Arbeitskleidung und darunter einige T-Shirts. In einem kleinen Koffer habe ich noch ein paar Fotos und Dinge, von denen ich nicht weiß, ob ich sie jemals wieder brauchen werde. Trotzdem habe ich sie gestern abend eingepackt, bevor ich noch einmal mit Hakim und Faris telefoniert habe, die mich mit Pauken und Trompeten empfangen wollen. Mama bezahlt – das könnte ihnen so passen.

05: 50, Terminal 3

Es ist wie ein Verrat. Die anderen werden sehen, dass ich nicht zur Besatzung gehöre. Wie es Arif wohl geht? Die kurze SMS von gestern verhieß nichts Gutes. Er ist stur und will nicht mitkommen. Stattdessen schickt er mich allein zu unseren Söhnen. Als ob ich mich nicht wehren könnte. Vielleicht hatten wir bisher zu viel Glück. Vielleicht hat er Recht, wenn er sagt, dass die ganze Stadt bald dem Erdboden gleich gemacht wird. Mich wundert es, warum sein Regiment überhaupt noch steht.

06:20

Ich beobachte, wie sich der Jet langsam nähert, sehe seine Scheinwerfer und nur weil ich seine Triebwerke in den letzten Monaten eigenhändig gewartet habe, werde ich nicht verrückt. Ich habe immer gesagt, dass ich keinen Fuß in dieses Biest setzen werde. Damals haben sie mich noch ausgelacht, haben gesagt, dass ich mit meinen Stöckelschuhen sowieso nicht die kleine Leiter hochkäme. Jetzt trage ich Turnschuhe und habe meine Kapuze tief in mein Gesicht gezogen.

07:00, Abflug in das Zentrum

„Schnell, schnell, kommt rein.“ Es scheint keinen zu interessieren, warum ihre Ingenieurin mitfliegt. Im Gegenteil behandeln sie mich ausnehmend höflich und weisen mir einen Platz zu. Die Luft ist stickig, aber es scheint keinen zu stören. Mit einigen Soldaten sitze ich nun festgezurrt an der Wand des mehrstrahligen Jets.

Um uns herum stehen einige Wassertanks und wahrscheinlich verpackte Lebensmittel. Ich scheine die einzige Frau zu sein, kann aber nicht erkennen, ob sich unter den Toten nicht vielleicht doch noch Frauen befinden. Ihr Geruch sticht in meine Nase und ich denke, dass sie schon länger hier liegen.

Langsam geht die Sonne auf. Durch eine kleine Luke kann ich das Licht sehen, das sanft das Dach der alten Zitadelle berührt. Ich blicke daran vorbei, auf etwas hoffen, das uns heil in das Zentrum dieses verrückten Landes bringen wird. Man sagt, in der Not betet man zu Gott und vielleicht hilft es uns, mir und den Jungs dieser Mannschaft. Ich atme scharf ein, als einer der Männer mir lächelnd einen Helm aufsetzt, der mir nur knapp passt.

07:03

Als die Turbinen starten, muss ich wohl ein beängstigtes Gesicht machen, denn mein Sitznachbar versichert mir, dass wir in einer Stunde da sein werden. Ich weiß, dass die ersten zwanzig Minuten die schlimmsten sind, weil es üblich ist, dass sie alle startenden Flugzeuge abschießen. Ich lehne meinen Kopf gegen den Sitz und blicke wieder durch das Fenster, vor dem die Zitadelle bald verschwunden ist und ich nur noch den dunklen Himmel sehe, der schon mit kleinen hellen Streifen durchzogen ist.

Das Teleskop

Es war ein verregneter Nachmittag. Ich weiß nicht mehr genau, wie ich auf die Idee mit dem Museum gekommen war, aber irgendwie hatte ich plötzlich an etwas Interesse, das mich sonst nie gereizt hatte.

Der Winter hatte nun schon so lange um sich gegriffen, dass ich gar nicht mehr wusste, wie dieser Teil der Stadt aussah. Im Frühling und Sommer waren wir oft hier. Die Kinder liebten das großzügige Gelände der Orangerie. Wir nahmen uns dann immer eine Wolldecke und belegte Brote mit, während Anni und Michi mit ihrem zerrissenen Ball spielten. Jetzt war von der Idylle auf der Karlswiese nichts mehr zu sehen und ich zog meinen Mantel fester zu. Der Schnee hatte sich in glitschigen Matsch verwandelt, der sich mit dem Sand des Gehweges vermischte und unaufhaltsam in meine Schuhe drang.

Schon nach ein paar Minuten in der Karlsaue hatte ich das Gefühl, erfrieren zu müssen. Meine Füße waren zu Eisklumpen gefroren und meine Hände verbarg ich notdürftig in meinen Hosentaschen, auch wenn das nichts nützte. Schon lange hatte ich außerdem diesen Schwindel, der immer bei Kälte kam und mich fast außer Gefecht setzte. Ich beschloss, schneller zu gehen, um nicht auch noch von oben nass zu werden. Trotzdem kam ich völlig durchnässt im Foyer des Planetariums an, dessen Ausstellung ich besuchen wollte.

„Guten Tag, einmal bitte!“

„Wollen Sie auch ins Planetarium? Die nächste Vorstellung ist um vier.“

„Nee, danke, nicht unbedingt.“ Ohnehin war mir das Thema kein Herzenswunsch gewesen. Aus purer Höflichkeit hatte ich auch kein Interesse heucheln wollen, zumal die junge Frau mich mit einem gelangweilten Blick maß. Ihre Augen schienen mir vorwerfen zu wollen, was ich hier wollte, schließlich war ich seit sehr langer Zeit an diesem Tag bestimmt der einzige Besucher. Ich nahm meine Eintrittskarte entgegen und überlegte noch, ob ich meinen klitschnassen Mantel nicht vielleicht in einem der Schränke verstauen sollte.

Tatsächlich hatten alle Spinde noch den kleinen Schlüssel, mit dem das Eigentum der Besucher sicher verwahrt werden sollte. Ich ging zur Nummer eins und zog meinen Mantel aus. Unter mir bildete sich derweil eine große Pfütze. Auch aus meinen Schuhen lief das Wasser. Schuldbewusst strich ich sachte über den Marmorboden, um Schlimmeres zu verhindern, ehe ich meinen Mantel in den Spind stopfte.

Es war eine Atmosphäre der Bedrängnis. Als Kind im Sportunterricht hatte ich meine Sachen in so einen Schrank gelegt und wenn ich einen Fehler gemacht hatte, so war ich zurück in die Garderobe geschickt worden, in der eine gespenstische Stille geherrscht hatte. So wie jetzt. Noch einmal sah ich mich zu der Kartenverkäuferin um, die sich wieder dem PC-Bildschirm zu widmen schien und ging dann hoch in die erste Etage.

Der Boden veränderte sich hier vom schlichten Marmor zu herrschaftlichem Parkett. Ich blickte erneut auf meine Schuhe und hoffte, dass ich keine größeren Schäden hinterlassen würde. Selbst mochte ich es nicht, wenn mit nassen Schuhen in meiner Wohnung herumgestapft wurde. Anni und Michi taten das oft, aber erst wenn sie fort waren, begann ich mit meiner Reinemachaktion, damit sie sich nicht eingeschüchtert fühlten.

Der Raum war dunkel. Man hätte Kerzenschein vermuten können, aber die Lichtquellen waren einige spärliche Birnen, die die Exponate wenig, doch festlich illuminierten. Insgesamt war der Raum aber sehr groß und ich konnte meine Schritte auf dem Holzboden hören. Mit mir im Raum befand sich auch ein leises Ticken, vielleicht von einem der vielen Zeitmesser und außerdem eine Aufsichtsperson. Der Herr hatte es sich auf einem Klappstuhl bequem gemacht und musste wohl geschlafen haben, ehe ich kam. Mit meinem Eintritt hatte er begonnen, sich zu räuspern und seinen Kopf zu heben.

Gut zu erkennen waren die vielen Globen. Der erste, der mir auffiel, hatte eher etwas von einem Trödelstück. Die kleine Karte vor dem Glaskasten zeigte an, dass die Weltkugel aus dem sechzehnten Jahrhundert stammte. Ich war geneigt, einen Pfiff zwischen meinen Zähnen hervor zu bringen, riss mich dann aber doch zusammen. Der Aufseher sollte keinen falschen Eindruck von mir bekommen.

Ich ging weiter, betrachtete Teleskope und Maschinen für Sternkundler. Im Geiste stellte ich mir vor, wie Wissenschaftler früher die Geräte über das Feld geschleppt haben und wie viele Helfer sie dafür benötigten. Das, was hier gezeigt wurde, konnte man heute wohl nicht mehr als Wissenschaft bezeichnen. Trotzdem war mir bewusst, dass diese sonderbaren Geräte ihre Vorläufer gewesen sind. Alle Ausstellungsstücke waren sorgfältig geschützt. Die meisten befanden sich hinter Glas oder hatten warnende Schilder mit „Bitte nicht berühren!“, an die ich mich natürlich hielt.

Nun, bis hierher war es kein besonderer Besuch. Ich war einer von nicht ganz so vielen Gästen und um ehrlich zu sein war ich froh, dass die Räumlichkeiten beheizt waren. Soweit sind doch sicher ganz normale Verhaltensweisen erkennbar. Ich informierte mich über die Globen und ging dann weiter zu den Teleskopen. Ein besonders großes hatte eine Kunststoffummantelung, die einlud, durch das Objektiv zu schauen. Ich beugte mich etwas herunter, konnte aber kein Bild ausmachen. Auch beim Schließen des anderen Auges sah ich noch nichts durch das Fernrohr. Eine leichte Enttäuschung überkam mich. Ich versuchte, Blickkontakt zu dem Aufseher aufzunehmen, aber der hatte sich mittlerweile in die Reinigung seiner Fingernägel vertieft und so machte ich mich auf zur nächsten Vitrine.

„Dubium sapientiae initium.“ War die kleine Gravur, die ich auf einer der Uhren lesen konnte. Mit dem Lesen der lateinischen Worte hatte ich nie Probleme gehabt. Die Übersetzung war aber einfach zu lange her. Der Satz stammte wohl von René Descartes. Alte Philosophie.

Die Uhr war in einer kleinen Schatulle verborgen, die wie ein Schuckkästchen anmutete. Sie war reich verziert und auch die Gravur war mit goldenen Lettern geprägt, sodass sich aus dem Schatten dieser Satz ergab. Im Kopf versuchte ich, die Wörter zu drehen, ihnen einen Sinn zu geben, aber außer dem Wort „Wissen“ und „Anfang“ konnte ich nichts erschließen.

Die Karte erklärte, dass es sich um eine Tischuhr aus dem siebzehnten Jahrhundert handelte. Die Zeiger standen still und ich fragte mich, ob die Uhr wohl noch intakt war. Sollte man immer so pfleglich mit ihr umgegangen sein, so war davon auszugehen. Ältere Uhrwerke brauchten ja keine Batterien. Anni hatte früher eine Uhr mitgebracht, die sie auf dem Flohmarkt erstanden hatte. Ziemlich viel Zeit haben wir mit diesem Ding verbracht, ehe wir feststellten, dass sie wirklich kaputt war. Rein äußerlich war sie ein schönes Stück gewesen und Anni hatte ein Talent für schöne Dinge zum Leidwesen ihrer Mutter, bei der sie sich die Schätze erbettelte. Am Wochenende zeigte sie mir immer ihre Errungenschaften.

Ich hätte mich damals sehr gewundert, wenn das Ding funktioniert hätte. Sicher war es aus der letzten Jahrhundertwende, war ziemlich aufwendig hergestellt worden und das Innenleben hatte ausgesehen wie eine kleine Fabrik. Trotzdem hatte Anni sich nicht beirren lassen.

Im Geiste zuckte ich mit den Schultern und las erneut den Text, der auf der Karte zu lesen stand. Als ich versuchte, mich auf den Text zu konzentrieren, verwischten die Buchstaben für einen kurzen Moment vor meinen Augen. Es war wirklich stickig in diesem Raum und das Dämmerlicht trug nicht gerade zu einer guten Sicht bei. Trotzdem konnte ich erschließen, was noch auf dem Kärtchen zu lesen war. Die Uhr war für einen Landgrafen angefertigt worden.

Ich beschloss, den Raum zu verlassen und langsam, aber zielstrebig in den nächsten einzutreten. Ob es dort einen neuen Aufseher gab oder ob mir der alte langsam und diskret folgte? Hier waren doch sicher überall Kameras und Alarmanlagen. Den alten Plunder würde man doch nicht allein von einem staubigen Herrn betreuen lassen, der die meiste Zeit schlief?

Der Weg zum nächsten Raum führte über eine kleine Galerie, auf der sich einige weitere Teleskope befanden. Weil der Korridor hier kühler war und das kleine runde Fenster etwas Licht spendete, blieb ich einen Moment stehen. Es musste ein mittleres, zierendes Fenster sein, das mit seinen kunstvollen Sprossen einen Blick in den Park warf. Man konnte von hier aus die Achsen sehen, so wie man den Park angelegt hatte. Von hier aus wirkte der Schnee idyllisch. Aus weiter Entfernung konnte man den Matsch von eben nicht erkennen. Alles war noch weiß. Der Regen sorgte aber sicher schon bald dafür, dass der Schnee verschwunden war.

Ein Resultat des Wetters war auch, dass der Park sehr verlassen war. Im Sommer konnte man durch dieses Fenster sicher auf viele Menschen schauen, die nach den Sonnenstrahlen heischten. Jetzt war wirklich nichts los. Ich ging etwas näher an das Geländer, um mich zu vergewissern, dass ich im ganzen Park neben der Verkäuferin unten und dem schlafenden Aufseher der Einzige war, der sich auf diesem Flecken Erde aufhielt.

Vorsichtig beugte ich mich nach unten und kniff mein rechtes Auge zu. Das große Teleskop wies direkt auf die Mitte, auf die Schwaneninsel. Sehr gut konnte ich den kleinen weißen Pavillon erkennen, die leuchtenden Fensterscheiben und eine Ente, die gelangweilt vorüberschwamm.

Wahrscheinlich hätte ich mich anders verhalten sollen, aber damals dachte ich, dass mir mein Schwindel einen Streich gespielt hatte. Dass mich meine Augen nicht getrügt hatten, fiel mir erst auf, als die Polizei am nächsten Morgen vor meiner Tür gestanden hatte. Ich hatte nicht glauben können, was sie sagten, aber das Teleskop geht mir bis heute nicht mehr aus dem Kopf.

„Guten Tag, Herr Witten?“

„Ja, was gibt’s denn?“ Ich hatte gewusst, was passiert war, aber es war zu schwer gewesen, die Bilder in Worte zu legen.

„Ihre Tochter ist seit gestern verschwunden.“

„Mhm.“ Ich hatte nach unten auf die Türschwelle geblickt und mich erinnert:

Das Teleskop war für sein stattliches Alter erstaunlich scharf und deutlich gewesen. Langsam bewegte ich es hin und her, drehte an dem Objektiv und sah jetzt noch besser. Die Szene im Teleskop wirkte zwar grau und verlassen, aber sie hatte etwas Gemütliches, sodass ich mich kaum davon losreißen konnte. So hatte ich sicher schon einige Minuten den Pavillon fixiert, als plötzlich etwas Unglaubliches geschah.

Von rechts kam eine kleine Person in das Bild gelaufen. Es ließ sich nicht ausmachen, wie sie auf die Insel gekommen war, die nur so groß war, dass sie das Haus des Pavillons beherbergen konnte. Es gab keinen Steg zum Ufer und das Wasser musste ziemlich tief sein. Ich sah kein Boot, wohl aber den roten Mantel, den das Mädchen trug und dessen Bewegungen. Ich musste das Gesicht nicht erkennen, um zu wissen, dass es Anni war, die offensichtlich vergnügt um das kleine Haus tanzte, hin und herlief und schließlich zum Himmel blickte.

Als Kind freut man sich über Regen. Ich konnte nicht mehr sagen, wann die Freude über das Regenwetter bei mir aufgehört hatte, aber ich hasste den Regen und Anni schien nun den Himmel zu fragen, ob er nicht noch mehr Tropfen zu bieten hatte. Ich konnte sie gut sehen, ihre Gummistiefel, die schon wieder schmutzig waren und sogar den Rucksack, den sie bei Ausflügen immer bei sich trug. Vom Himmel sah sie nun geradeaus und direkt in meine Richtung. Hätte ich nicht gewusst, dass ich durch ein Fernrohr blickte, hätte ich ihr bestimmt gewunken.

Für einen Moment war ihr Gesicht ernst, verheißungsvoll, nahezu prophetisch, aber dann hob sie ihre Arme und ruderte wild. Ihre Augen strahlten und ich musste lächeln, weil sie sich mit dem Winken so anstrengte und ich sie doch sehen konnte. Zaghaft hob ich meinen Arm und winkte zurück. Wie konnte sie mich aus dieser Entfernung erkennen? Zwischen uns lag sicher mehr als ein Kilometer, zumal ich durch ein kleines Fenster blickte und von außen direkt vor dem Gebäude nicht erkennbar sein konnte. Ich lachte jetzt lauter, drehte das Teleskop von meinen Augen weg und fuhr mit beiden Händen durch mein Gesicht.

„Sie hat einen roten Mantel getragen und ihre Gummistiefel.“

„Ja, Ihre Frau – äh, Exfrau sagte das bereits.“ Die beiden Polizisten sahen sich an. Sie überlegten wohl, wie mit mir zu verfahren war. Unterdessen dachte ich weiter an das, was passiert war:

Ich hatte tief durchgeatmet und mir mit den Fingern den Schlaf aus den Augen gerieben. Seit Monaten hatte ich diesen Schwindel nun schon. Vielleicht sollte ich zum Arzt gehen.

Es war dann ganz schnell gegangen. Der erneute Blick durch das Teleskop zeigte nicht mehr nur meine Tochter, sondern von irgendwoher musste eine zweite Person gekommen sein. Sie war mir fremd, aber so, wie sie sich Anni zuwandte, schienen sich die beiden zu kennen. Komisch, sonst hatte mir Sabine immer ihre Freundinnen vorgestellt. So lange waren wir doch noch nicht getrennt, dass ich diese Frau nicht kennen konnte.

Sie gingen zusammen vielleicht drei mal um den Pavillon, bis das geschah, was ich bis heute nicht verstehe. Es war zu unwirklich und auch wenn man einer fremden Frau sein Kind nicht anvertrauen sollte, so war doch das, was ich von ihr in dieser Position sehen konnte, durchaus sympathisch, wenn nicht sogar nett. Anni hatte sich nun kurz an das Ufer gebeugt, hatte wohl ihre Hände kurz waschen wollen, als die Frau meine Tochter mit einem gezielten Hieb ins Wasser stieß. Die Frau sah sich um, ließ das Kind im Wasser zappeln und ging dann fort.

„Anni“ kam ich nun hinter dem Teleskop hervor und wollte das echte Bild durch das Fenster betrachten. Ich konnte aber nichts sehen außer einem weißen Punkt in der Ferne, der wohl der Pavillon sein musste. Sie konnte doch nicht schwimmen. Mein Körper geriet in Aufruhr. Ich fühlte, wie meine Glieder sich bewegen wollten, aber keine Richtung entschieden. Deshalb blieb ich schließlich stehen und sah erneut durch das Fernrohr. „Anni“ rief ich wieder. „Anni!“ Als ich jetzt die Schwaneninsel anpeilte, war sie leer. Keine Person war mehr zu sehen.

Sie wirkte sogar noch verlassener als vorhin. Ein Kind ging doch nicht sofort unter! Man wusste doch aus Filmen, dass es einen Moment dauerte, bis die sicherer Rettung nahte. Die Stelle, an der Anni in das Wasser eingetaucht war, war aber völlig ruhig. Die nahezu glatte Wasseroberfläche wies nicht darauf hin, dass ein Kind dort um sein Leben rang und die fremde Frau war ebenfalls verschwunden.

Noch einige Minuten hatte ich durch das Teleskop geblickt, ehe ich mich von der grausamen Szene losreißen konnte. Bestimmt hatte ich mich geirrt. Wie sollte mein Kind auf diese kleine Insel gekommen sein? Noch dazu völlig allein und bei diesem Wetter. Sabine kümmerte sich immer gut um die Kinder und würde sie nicht allein losgehen lassen.

Dies alles ging mir auch dann noch durch den Kopf, als ich auf meiner Türschwelle die beiden Kommissare fixierte. Es konnte nicht wahr sein. In den dunklen Augen des einen Polizisten las ich noch einmal das, was mir beim Ende meiner Museumstour eingefallen war:

„Zweifel ist der Weisheit Anfang“ war die Übersetzung der Inschrift, die der Künstler der kleinen Tischuhr in lateinischer Sprache in den Deckel graviert hatte.

„Suchen Sie bei der Schwaneninsel in der Karlsaue“ sagte ich zu den Beamten, ehe ich auf der Türschwelle zusammenbrach.

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